Review: Auf Touren

http://www.auftouren.de/2013/11/17/buchempfehlung-kein-zutritt-fuer-hinterwaelder/


Buchempfehlung: Kein Zutritt Für Hinterwäldler

   

Autor:

Niemand kann gleichzeitig etwas anderes lesen, als er oder sie gerade schreibt. Die von Foyer des Arts einst offenbarte Wahrheit des „Gleichzeitig? Das kann ich nicht“ findet auch hier nicht die Ausnahme, die sie zur Regel machen könnte.

Musik zu hören und gleichzeitig darüber zu schreiben hingegen funktioniert sehr wohl. Zumindest stelle ich mir das Format des „Track by Track“ immer so vor, womit ich falsch liegen dürfte. Das bekümmert mich nicht, „Track by Track“ in Echtzeit ist für mich die ideale Schreibtechnik bloggender Musikhörer. Doch so erstrebenswert diese Art der affektiven Kritik auch sein mag, auf Bücher lässt sie sich leider nicht anwenden. Zumindest höchstwahrscheinlich nicht, denn ich will es nun einmal versuchen.

Anlass ist das von mir lang erwartete Werk „Kein Zutritt Für Hinterwäldler. Die Geschichte Der Butch Meier Band“ von Jonnie Schulz mit einem Umfang von 300 Seiten. Will man das Werk „Track by Track“, also Kapitel für Kapitel besprechen, sollte man sich schon ein wenig Zeit dafür nehmen. Geschrieben werden muss ja auch noch. Weil ich aber gleich ausgehen möchte, hören wir heute erst einmal die Band, danach gibt es vermutlich morgen (Nachtrag: also für Euch ein wenig weiter unten im Text) eine Kapitel für Kapitel erfolgende Besprechung.

<a href=”http://butchmeier.bandcamp.com/album/skymarshall” onclick=”javascript:_gaq.push([‘_trackEvent’,’outbound-article’,’http://butchmeier.bandcamp.com’%5D);”>Skymarshall by Butch Meier</a>

Heute ist das gestrige Morgen, los geht’s!

 

Teil I: Country und Western

 

Schon mal an Selbstmord gedacht?

Ah, geradezu klassisch, der Anruf des zwielichtigen, flüchtigen Bekannten, der ein Bandmitglied sucht. Und Punks, die zu einem Countryfestival auf der Reeperbahn gehen, was nicht nur 2000 sehr viel provinzieller ist, als man sich in der Provinz vorzustellen vermag. Aus diesen jungen Männern wird die Butch Meier Band. Sie besteht aus: Jonnie Schulz, Alibistudent; Butch Meier, Türsteher; Digger Barns, Friseur; und Ted Memphis, Kneipengänger, allesamt wohnhaft in Hamburg. Sie betreiben „Countryfication“, bekommen keine Gigs und wollen das mit dem Anfertigen eines Fotokalenders ändern. Die Geschichte beginnt fluffig, aber hart und verspricht allerlei groteske Tragik. Und ein Mysterium gibt es schon jetzt, nämlich „Axels Bürste“.

Don’t Beat The Lukas

Die Musik der Butch Meier Band muss damals sehr, sehr furchtbar gewesen sein, die Beschreibung im vorangehenden Kapitel war sicher kein Fishing for Compliments. Nun, mal sehen, es geht weiter.

Und zwar mit einem wirklichen Bandleben, gemeinsamen Training und großen Plänen den Hamburger Dom betreffend. Das ist keine Kirche, sondern ein Rummel. Ich vermute wieder Groteskes, lese aber weiter und verrate nichts, außer, dass wir den ersten Hit der Band kennenlernen: „Skymarshall“. Außerdem dabei: Der ignorante Domboss!

butch

 

 

 

Kadterschmieder

Vielleicht werde ich doch schneller fertig, Jonnie Schulz schreibt leicht und eingängig, er ist ein guter Erzähler von klarer Form. Die Geschichte hingegen nimmt eher seltsame Formen an, denn die Butch Meier Band steigert sich in ihre Sache immer stärker hinein.

Eine Zwischenbemerkung: Unken werden die Menschen, sie werden unken und behaupten, das hier sei so etwas wie „Dorfpunks“. Aber nein, nein und nochmals nein, „Dorfpunks“ war ziemlich dröge und das hier ist kein Coming-of-age-Kram, sondern Schindluder und Schabernack, und zwar Ehrfurcht gebietender. Alles hier ist wahr! Zumindest bestimmt. Außerdem lernen wir: Der Mystery Man Digger Barnes ist wirklich so einer (siehe unten).

 

Schrebergärten des Hasses

Wie war das eigentlich mit der Politik? “Funbird” Jonnie stammt aus einem linksautonomen Umfeld, die anderen scheinen immerhin Outlaws zu sein. Wie passt das zum Country? Wir lesen von einer Messe, in der Reverend Meier glänzt, Judas Priest gesungen und den BewohnerInnen des leider bald darauf geräumten Bauwagenplatzes Bambule Trost gespendet wird. Das ist keine Belletristik, das ist Zeitgeschichte. Außerdem: Die Butch Meier Band soll kämpfen lernen.

 

Es entfaltet sich!

Hatte ich schon das Kumpelsystem erwähnt? Es wird uns hier von Schulz nach und nach offenbart und scheint weise. Man nehme nur Regel fünf: „Über Probleme spricht man nicht, man löst sie.“ Gut, weise ist nicht das richtige Wort, es resultiert aus der Beobachtung zweifelhafter Umgangsformen mit hoher Verbreitung. Ansonsten ist’s jetzt langsam auch mal Zeit für ein paar gute Neuigkeiten.

 

Eisbeineck

Die Butch Meier Band kommt dort an, wo sie von Anfang an hin wollte, nämlich bei den Menschen einer Eckkneipe, die das Klischee vom Country lieben. Und sie ziehen es durch. Alle Achtung.

 

Butch Mainer – Hardcore/Punk, Niemcy

Jetzt sind alle Gestalten da und entfaltet, scheint es. Es geht voran, es geht bergab und es gibt immer wieder Alkohol. Das ist noch immer nicht „Dorfpunks“, das ist Punk und wäre schwer zu glauben, wenn ich die Butch Meier Band nicht gerade eben erst bei der Releasefeier zum Buch hätte bestaunen dürfen (den Anfang diese Textes schrieb ich bereits gestern). Ihr müsst Euch die Bilder auf www.butchmeier.com ansehen und die Songs hören, sonst erschließt sich Euch die Magie dieser Band nicht ansatzweise. Oder halt das Buch kaufen.

 

Open Air an der Treene

Dramatik, tragische Brüche im Bandgefüge! Das, was als „Entfaltung“ bezeichnet wird, bleibt aus. Obendrein befindet sich die Gruppe in Muckergefilden. Am Ende gibt es Streit, der erste Teil endet. Jetzt kommt die Galerie, also ein paar Seiten mit Bildern. Yeah!

butch
Teil II: Fleisch

 

Die Metamorphose

Die Butch Meier Band wäre fast zerbrochen, rauft sich jetzt aber noch einmal zusammen, um zu merken: So geht das nicht weiter. Texas Lightning und Bosshoss haben ihre Idee der Countryfication (Popsongs in Countryversionen spielen) salon- bzw. hafengeburtstagsfähig (für ein garstiges Hamburger Stadtfest) gemacht, sie birgt kein Konfliktpotential mehr. Zum Glück ist da noch die Idee mit der Grillshow:  Songs und eine Bühnenshow rund ums Fleisch und Grillen, was bei drei von vier Bandmitgliedern ohne Fleischkonsum schon eine Provokation ihrer selbst ist. Jetzt bricht endgültig der wirkliche, nicht nur nur relative Irrsinn aus.

 

Und hier, nach der Hälfte des Buches, beende ich meinen Text und denke mir: „Kein Zutritt für Hinterwäldler ist und wird nicht schlecht, die Idee des „Track by Track“ auf Bücher anzuwenden ist aber leider bescheuert. Falls jemand widersprechen sollte, so wird das am Buch liegen, nicht mir, und das Buch kann man ja kaufen und erfährt dann den Rest. Auch ist Jonnie Schulz noch auf Lesereise:

17.11.2013: Bremen, Friesenstrasse
18.11.2013: Gießen, AK 44
19.11.2013: Mainz, Hafeneck
20.11.2013: Münster, Baracke
21.11.2013: Berlin, Monarch
22.11.2013: Potsdam, Black Fleck
23.11.2013: Leipzig, UT Connewitz

 

„Kein Zutritt Für Hinterwäldler“ ist eines jener seltenen Bücher, die sich schnell am Stück lesen lassen und dennoch nicht nur unterhaltsam sind, ja, es ist geradezu gehaltvoll und auf sehr legere Art unaufgeregt, aber gewagt. Was am Ende hängenbleibt, ist nicht die Tragik der unbeholfenen Rebellen und desperaten Außenseiter, sondern der Mut der Band, sich zumindest theoretisch mit wirklich allen anlegen zu wollen und dabei eine höchst warme und etwas delikate Liebe auszustrahlen.

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