Der letzte Aufguss – ein ausführlicher Bericht

56 butchplakat

Der Weltraum, unendliche Weiten. Ein Centaurus im Cowboyhemd schwebt durch das Nichts. Auf seinem Rücken sitzen drei schnurrbärtige Typen und trinken Bier. Drei ausgewachsene Männer sind eine schwere Last, doch dem Centaurus macht das nichts aus, denn er ist stark. Schon damals als Metzger hat er ordentlich angepackt und dann sind da noch 25 Jahre Kampfsporterfahrung. Plötzlich kreuzt ein Hochdruckreiniger der Marke Kärcher ihren Weg. Der Centaurus ist in Alarmbereitschaft und zieht vorsichtshalber eine Melone aus seiner Hemdtasche. Wenn das Ding zu nahe kommt, kann man es mit der Frucht volle Kanne abballern. Der Kärcher umkreist die Reisenden, hält aber Abstand. Schließlich winkt er sie mit mit seiner Düse zu sich heran.
„Ich weiß, was Ihr sucht“, sagt er verheißungsvoll. „Und ich weiß, wo es ist.“
Der Hochdruckreiniger setzt sich wieder in Bewegung.
„Los! Hinterher!“ ruft Digger Barnes, der hinterste der wie die Dalton-Brüder angeordneten Reiter.
In waghalsigem Tempo fliegen sie dem mystischen Reinigungsgerät hinterher. Es nimmt eindeutig Kurs auf die Erde.
„Festhalten!“ brüllt der Centaurus, als sie in die Athmosphäre des blauen Planeten eintauchen. Alles fängt an zu wackeln und die Reisenden müssen höllisch aufpassen, dass ihnen Bierflaschen und Melone nicht aus der Hand fallen.
Vorbei an Dirk,s Imbiss, führt der Kärcher sie ins Industriegebiet von Hamburg Wilhelmsburg.

dirks imbiss

Hier scheint seine Bestimmung zu liegen, im Pollhornbogen Nummer zwei, unter dem Dach einer Autowaschanlage. Gerade erst ist er gelandet, da wirft auch schon ein Familienvater mit feistem Bierbauch zwei Euro in den Automaten und beginnt, mit ihm die Felgen seines Wagens abzuspritzen.
Die Schnurrbarttypen steigen vom Centaurus und zusammen gehen sie in den angrenzenden Flachdachbau, an dem ein Schild verkündet: „Zur Bürste“

schild

Drinnen sitzt eine Handvoll Trucker an den Tischen und isst Spiegelei mit Brot, Hawaii Schnitzel oder Bratwurst mit Pommes. Der Centaurus geht zum Tresen.
„Hallo, ist Axel da?“, fragt er die Bedienung, eine etwas untersetzte Frau Mitte 30, mit gutmütigem Lächeln.
„Nein“, antwortet sie, „Axel ist schon vor ein paar Jahren in ein Westerndorf im Osten gegangen.“
Der Centaurus blickt sich zu seinen Kollegen um, die Enttäuschung ist ihnen in die Gesichter geschrieben.
„Na gut, dann nehmen wir viermal Pommes“, sagt Ted Memphis, der Mann mit den zerschlissenen Jeans.
Sie nehmen an einem der Tische Platz und warten auf das Essen.
„Kennt Ihr das Entensyndrom?“, will der Centaurus wissen.
Die anderen schütteln die Köpfe.
„Obenrum cool, aber unter der Wasseroberfläche…“
Mit herunterhängenden Hufen imitiert er das hektische Paddeln eines Erpels.
„Was machen wir denn jetzt?“, fragt der Trainingsanzugträger mit der Halbglatze, Jonnie Schulz.
„Axel hin oder her, das ist hier immer noch die Bürste“, meint Digger und alle nicken.
Der Centaurus, der allein schon wegen seiner physischen Präsenz der Chef der Gruppe ist, blickt Jonnie tief in die Augen und deutet mit dem Kopf Richtung Tresen. Wie ferngesteuert steht dieser von seinem Stuhl auf und geht zur Bedienung.

bürste innen

„Entschuldigung, ich hab da mal eine Frage. Kann man den Laden hier mieten?“
Verwundert blickt sie ihn an.
„Mieten? Wofür denn?“
Jonnie überlegt, wie er die Sache am besten auf den Punkt bringen kann.
„Also wir sind eine Country- und Westernband“, beginnt er, „und für uns war die Bürste immer ein Mysterium. Und nun würden wir hier gern unser letztes Konzert spielen.“
Ihre Miene hellt sich auf, das Interesse ist geweckt.
„Moment, ich hol mal meinen Vater“, sagt sie, dreht sich zur Küche um und brüllt: „Papa, kommst du mal eben?!“
Ein etwa siebzigjähriger Mann mit blasser Gesichtshaut und Augenringen erscheint auf der Bildfläche. Während er sich die Hände in der fettigen Schürze abwischt, schaut er seine Tochter fragend an.
„Die wollen das hier mieten für ein Konzert“, berichtet sie.
Zunächst werden die Formalitäten geklärt. Der Mann schüttelt Jonnie die Hand und stellt sich als Jürgen vor. Dann kommt er zum Geschäftlichen:
„Wie habt ihr euch das denn vorgestellt?“
„Naja, irgendwann mal am Wochenende. Wir kümmern uns um die Anlage und alles und ihr macht die Gastro“, klärt Jonnie ihn auf.
Jürgen kneift die Augen zusammen und deutet mit seiner fettigen Rechten zur anderen Seite des Raumes, wo ein Anbau aus Bretterzäunen und LKW-Plane angrenzt.
„Ich weiß nicht, ob das klappt. Ich muss ja erstmal die ganzen Sachen hinten rausräumen.“
Jonnie dreht sich um und begutachtet aus sicherer Distanz das Gerümpel.
„Meinst du nicht, dass du das schaffst innerhalb der nächsten drei Monate?“, fragt er vorsichtig.
„Wie, drei Monate?“
Jürgen ist irritiert.
„Das Konzert soll doch im September sein.“
Die verkniffenen Augen des Imbisswirts weiten sich und er lacht erleichtert auf.
„Ach so! Ich dachte ihr wolltet das an diesem Wochenende machen. September ist überhaupt kein Problem.“

gäste vor tür

Als es schließlich September ist, trabt der Centaurus von St. Pauli aus nach Süden. Seine Freunde haben ihn vor einen Planwagen gespannt, in dem sich solch schöne Dingen wie Dönerbass, Chickenwing Gitarre und ein Gummifisch, der singen würde, wenn man Batterien reintäte, befinden. Als sie bei der Bürste eintreffen, sind schon einige Fans da, denn es hat sich herumgesprochen, dass dies die allerletzte Chance ist, Butch Meier live zu sehen. Der letzte Aufguss eben.
Jürgen hat alles minutiös durchgeplant:
„Also, grillen ist mir zu anstrengend. Ich hatte überlegt: Machste Nacken? Aber wenn du Nacken machst, dann musst du auch Pute machen, weil die Frauen essen kein Schwein. Ich hab hinten die große Bratpfanne, da brat ich die Würste. Dazu gibt es Brötchen und Serviette. Senf und Ketchup kann sich jeder selber nehmen, dann hab ich hinterher auch nicht die Pappen rumfliegen.“

ala carte

Nach diesem Informationshagel will er eigentlich wieder zurück in die Küche, doch ihm fällt noch etwas wichtiges ein:
„Ach ja, der Weg zur Waschanlage muss freibleiben. Das müsst ihr mit Flatterband absperren.“

hof

kind

Während sich Band und Fans in der spätsommerlichen Nachmittgssonne einen anbimmeln, schwitzt nicht nur Jürgen am Bräter. Auch seine Frau Jutta und Tochter Bianca haben alle Hände voll zu tun. Die Leute schreien nach Bier und Imbissgerichten und bereits nach einer Stunde sind die Pommes ausverkauft.
Dann ist es endlich soweit. Der prächtige Hengst mit dem muskulösen Oberkörper des ehemaligen Metzgergesellen Butch Meier und seine legendären Mitmusiker Ted Memphis, Digger Barnes und Jonnie Schulz betreten die Bühne. Jürgen hat nicht zuviel versprochen und tatsächlich den Anbau freigeräumt. Was sich jetzt noch in den Regalen an den Wänden befindet, gehört dort einfach hin: Engel und Osterhasen aus Ton, Pappmodelle historischer Häuser, Plastikschneemänner und eine schwere Nietenjacke, die wohl von einem Besucher dort abgelegt wurde.
Von Beginn an ist die Stimmung magisch. Mit leuchtenden Augen starren die Fans auf Meiers pralle Schenkel, die seine Hotpants fast zum Bersten bringen.
„Ist so ein dicker Bauch eigentlich normal für einen Centaurus?“, fragen sich einige. Niemand weiß die Antwort. Gegen die beiden hochschwangeren Frauen in der ersten Reihe zieht Butch allerdings den Kürzeren.

schenkel

Was kann man über ein solches Konzert schon sagen? Ein Auftritt nach so langer Zeit, das ist für alle Beteiligten sicherlich ein Grund zum Jubeln und Feiern. Gleichzeitig macht der Anlass aber auch traurig, denn mit dem letzten Aufguss will die Band klarstellen: Wir haben alles erreicht. Wir haben in der Bürste gespielt, hier wollten wir von Anfang an hin. Und jetzt treten wir ab. Endgültig.

publikum von bühne

Um die Fans zu versöhnen, wird im Anbau ein wahres Feuerwerk abgebrannt, garniert mit illustren Gästen: Nicht nur im Publikum hat sich so gut wie alles versammelt, was in der Butch Meier Historie Rang und Namen hat (Hank Holiday, Wurst Ulle, Satchmo the Guitarfox, das Barbli…). Auch auf der Bühne wird einiges geboten. Zum Beispiel Mosquito Hopkins, langjähriger Freund der Band und Mitwirkender an den Aufnahmen zur Hitsingle Skymarshall.

bühne mit wurst

Dank der Streicher in seinem Umhängekeyboard ist es der Band nicht nur möglich, zum exakt dritten Mal in der Bandgeschichte den Song Moustache means Respect auf die Bühne zu bringen. Sie sorgen auch für pures Gänsehautfeeling in den Powerballaden.
Das Konzert wird zum Wechselbad der Gefühle. Immer wenn die Fans beginnen, in Trauer zu schwelgen, holt die Band sie wieder aus ihrem schwarzen Loch. Und wer könnte sich dafür besser eignen als Frank, the flying Sausage, die berühmte singende Wurst aus der All-you-can-eat-Barbecue-Gala? Gerade eben aus Jürgens Pfanne gesprungen, verströmt sie auf der Bühne gute Laune pur. Und nicht nur das, sie hat auch noch Geschenke mitgebracht.

wurst mit torte

butch mit torte

Mithilfe von Butchs großer Liebe Angel Rose schneidet sie eine opulente Butch Meier Sahnetorte für Erwachsene an, die zusammen mit den Fans verspeist wird. Für die Säufer rührt Frank eine schmackhafte Bowle aus 8 Litern Grünhorst Gemüsesaft, 2 Litern Korn und 5 Dosen geschälter Tomaten an. Liebe geht durch den Magen.
Irgendwann sind aber auch die letzten Zugaben verschossen. Fans und Band umarmen sich, singen zusammen It’s the End of the Barbecue, dann ist die Band Geschichte.

umarmung

Die Bürste leert sich, jetzt sind nur noch die VIPs da: Musiker, Freunde, Gastronomen.
„Also, eure Fans sind ja wirklich super“, sagt Jutta aufrichtig. „Keine Schweinereien – nicht auf dem Klo, nicht im Konzertraum, nichts ist kaputtgegangen… Das kennen wir sonst ganz anders.“
Die Betreiberfamilie ist glücklich, sie haben den Umsatz ihres Lebens gemacht.

butch bürstenteam

„Ich geh mal schlafen“, sagt Jürgen und bricht zu seinem Wohnwagen auf, der direkt neben dem laubenartigen Anbau steht. „Morgen um sechs stehen die Trucker wieder auf der Matte.“
Band und Anhang verabschieden sich und verlassen schweren Herzens die Bürste. Draußen stehen sie vor dem Eingang und wissen nicht wohin mit sich.
„Leute, ich hab da noch was vorbereitet“, sagt der Centaurus zwinkernd, „Special Moment, Special Place.“
Er geht zum Planwagen und zieht eine Kiste Bier aus seinem Inneren, die er sich auf den Rücken lädt.
„Mir nach!“
In einer Polonaise folgt die Gruppe der Bierkiste, es beginnt zu regnen. Alle sind neugierig. Was Butch wohl vorbereitet hat? Unter einer Eisenbahnbrücke stoppt der Centaurus plötzlich, stellt das Bier auf den Bürgersteig und drückt jedem eine Flasche in die Hand.
„Auf uns“, haucht er und alle stoßen an, während links und rechts neben ihnen der Regen auf das Pflaster prasselt.
It’s the End of the Butch Meier Band.

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